Interview mit Franz Koller:

Der UX-Experte und Gründer der User Interface Design GmbH (UID) erzählt über die Bedeutung von Usability und UX in der Industrie.

Der Diplom-Informatiker leitete zuvor das Marktstrategieteam Interaktive Produkte am Fraunhofer IAO und war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter an der Universität Stuttgart. Franz Koller hat über 30 Jahre Erfahrung in der Gestaltung von Mensch-Maschine-Interaktion. Er berät namhafte Kunden aus den Bereichen Consumer, Enterprise und Industrie. Franz Koller ist unter anderem Mitglied im Vorstand des Fachverbands „Software & Digitalisierung“ des VDMA.


Smart HMI: Was ist der Unterschied zwischen Usability und User Experience?
Franz Koller: Viele verwenden Usability und User Experience synonym. Beide Begriffe beleuchten jedoch unterschiedliche Aspekte der Mensch-Maschine-Interaktion.

Usability (Benutzerfreundlichkeit) ist ein Maß dafür, wie leicht Nutzer mit einem interaktiven Produkt interagieren. Mit nutzerfreundlichen Lösungen erreichen Nutzer ihre Ziele und Aufgaben schneller und sind bei der Nutzung zufriedener. Fehler und Frustration werden vermieden oder reduziert. Der Begriff User Experience geht noch einen deutlichen Schritt weiter. Geht es bei Usability um die intuitive Bedienung, stehen bei User Experience die positiven Gefühle bei der Nutzung im Vordergrund. Nutzer erleben Produkte dann positiv, wenn ihre psychologischen Bedürfnisse erfüllt werden: Macht die Nutzung des interaktiven Produkts Spaß? Hebt dies die Motivation, das Produkt intensiver, kreativer und produktiver zu nutzen? Kann sich der Nutzer mit dem Produkt identifizieren? Fühlt sich der Nutzer durch das Produkt mit anderen verbunden? Kann er Neues kennenlernen oder sich als fähig und wirksam erleben?

Bei Usability geht es darum, durch eine nutzerzentrierte Gestaltung Probleme bei der Nutzung und dadurch hervorgerufene negative Gefühle, wie Frustration und Ärger, zu vermeiden. User Experience Design dagegen hat das Ziel, systematisch positive oder sogar persönlich bedeutsame Nutzungserlebnisse zu schaffen. Deshalb ist User Experience nicht nur für Consumer-Produkte relevant. Positive User Experience lässt sich auch im Arbeitskontext erreichen.

Smart HMI: Gibt es eine bestimmte Vorgehensweise, wie man eine gute Usability oder eine positive UX erreichen kann?
Franz Koller: Der Human Centered Design Prozess ist ein etablierter Gestaltungsprozess für nutzerorientierte interaktive Systeme. Ziel des iterativen Prozesses ist es, die anvisierten Nutzergruppen in den Gestaltungsprozess zu integrieren und ihre Ziele und Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Die Gestaltung erfolgt in vier Phasen. Die erste Phase dient der Analyse. In dieser Phase analysieren UX-Experten die Ziele, Bedürfnisse und Aufgaben der Benutzer sowie deren jeweiliges Nutzungsumfeld. Aus den Ergebnissen leiten sie Anforderungen an das HMI ab.

In der zweiten Phase erfolgt die GESTALTUNG. Hierbei entwickeln UX-Experten das grundlegende Layout sowie die Navigations- und Interaktionskonzepten, welche die in der Analyse erhobenen Anforderungen erfüllen.

Die dritte Phase macht die Konzepte der zweiten Phase ERFAHRBAR, zum Beispiel in Form von Handskizzen oder mit interaktiven Prototypen. So können UX-Experten frühzeitig Nutzungsabläufe simulieren und die Auswirkungen auf das Nutzungserlebnis bewerten.

In der letzten Phase TESTEN die UX-Experten die entwickelten Lösungen mit repräsentativen Nutzern. Das generierte Feedback sollte wieder in den Gestaltungsprozess einfließen, um so in einem iterativen Vorgehen optimale Lösungen zu generieren.

Wichtig bei diesem Prozess ist, dass kurzzyklische Iterationen möglich sind und auch jederzeit zu einer Phase zurückgesprungen werden kann.

Smart HMI: Warum soll eine industrielle HMI die Nutzer begeistern?
Franz Koller: Im Maschinen- und Anlagenbau liegt der Fokus oft auf einer intuitiven Bedienung. Das Nutzungserlebnis wird jedoch meist noch wenig betrachtet. Dabei hat es das Potenzial positive Gefühle zu wecken, die Motivation langfristig zu steigern und ein positives Arbeitsumfeld zu schaffen. Außerdem übertragen Nutzer ihre Erfahrungen mit Consumer-Devices wie Smartphones auf die Arbeitswelt. Die im Zuge dieser Consumeriziation entstehenden Erwartungen setzen den Benchmark für industrielle Interfaces. Technisch und qualitativ hochwertige Produkte allein reichen in einem globalisierten Wettbewerb nicht mehr aus, um eine langfristige Kundenbindung zu erzielen. Das Nutzererlebnis spielt eine wichtige Rolle und entscheidet mit über Erfolg oder Misserfolg eines Produkts.

Wie wichtig positive Nutzungserlebnisse bei der Arbeit sind, zeigt auch die Studie „Emotional Design für HMIs“ der Hochschule der Medien (Stuttgart) und User Interface Design GmbH. Demnach sind es vor allem kreative und lehrreiche Tätigkeiten, die das Befinden und damit die Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer beeinflussen. Arbeitsabläufe und Prozesse in Produktionsanlagen sind heute allerdings hochgradig automatisiert und Teile der Belegschaft im Wesentlichen damit beschäftigt, eben diese automatisierten Prozesse zu überwachen. Interaktive Produkte und Services haben die Aufgabe, diesen Widerspruch aufzulösen: Sie sollten den rein überwachenden Tätigkeiten am Arbeitsplatz entgegenwirken, das eigene Kompetenzerleben stärken sowie die Zusammenarbeit mit Kollegen fördern.

Smart HMI: Warum lohnt sich bei der HMI-Gestaltung die Investition in Usability oder User Experience?
Franz Koller:

Von Usability und User Experience profitieren Nutzer und Unternehmen gleichermaßen. Dabei gibt es nicht nur weiche Faktoren wie zufriedenere Kunden oder eine stärkere Markenbindung. Ein auf den Nutzer abgestimmtes HMI Design bringt klare wirtschaftliche Vorteile: Mit einer nutzerzentrierten Gestaltung sichern Unternehmen ihre Investitionen bei der Produktentwicklung ab. Indem Nutzer schon von Anfang an der Entwicklung beteiligt werden, stellen Unternehmen sicher, dass künftige Nutzer das Produkt positiv wahrnehmen und es gern einsetzen. Auch in Zeiten agiler Entwicklungsprozesse gilt: Jeder Euro, der in ein frühzeitiges Nutzerfeedback investiert wird, rechnet sich um ein Vielfaches, wenn dadurch teure Korrekturen während oder nach der Implementierung vermieden werden.

Nutzer arbeiten umso effektiver und effizienter, je besser ein Produkt auf ihre Bedürfnisse, ihre Aufgaben und ihre Arbeitsumgebung zugeschnitten ist. Wir haben Kunden, die durch Usability-Maßnahmen die Produktivität und Effizienz ihrer Nutzer nachweislich um 20 bis 30 Prozent erhöhen konnten.

Gute Usability kann den Aufwand für Schulungen und Weiterbildungen um mehr als die Hälfte verringern. Denn intuitiv bedienbare Produkte sind schnell und einfach erlernbar. So bieten sie Nutzern beispielsweise einen schnellen Überblick und Zugriff auf alle relevanten Informationen und Funktionen. Auch eine konsistente Interaktion und ein einheitliches Design über komplette Produktfamilien hinweg erleichtern das Einarbeiten. Nutzer können so ihr Bedienwissen von einer Maschine auf die andere übertragen.

Außerdem haben Usability und User Experience einen erheblichen Einfluss auf das Markenimage, denn die Bedienoberfläche ist die Visitenkarte eines Produkts. Über sie erlebt der Nutzer das Produkt.

Smart HMI: Wir danken für das Interview.